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Wie gefährlich ist Mindanao

Dies ist ein Gastbeitrag von JoBu. Er hat schon einige Jahre auf den Philippinen verbracht, und lebte für längere Zeit auf Mindanao. Er ist ein absoluter Kenner des Landes, und ich freue mich sehr, dass er diesen Beitrag für meine Leser geschrieben hat!

JoBu schreibt: Ich lebe jetzt seit sieben Jahren auf Mindanao. Davor bin ich drei Jahre lang regelmäßig auf die Philippinen gereist und habe während dieser Zeit auch etwa ein Jahr lang auf Mindanao in einem Krisengebiet in der internationalen Nothilfe gearbeitet. Von ‘den Moslems’ ganz allgemein hat man hier wirklich nichts zu befürchten. Das Zusammenleben von Moslems und Christen klappt hier meiner Erfahrung nach besser als in Deutschland, wenn es um Integration der verschiedenen Religionen geht. Ich habe sehr viele gute moslemische Freunde hier, und fast ebenso viele katholische Freunde. Bedenkt man, dass die Moslems hier eigentlich zuerst waren und Mindanao dann später erst von den Amerikanern und dann von der Philippinischen Regierung ‘übernommen’ wurde, stellt sich das für mich als noch mehr verwunderlich dar.

Die Abu Sayyaf, die den deutschen Segler entführt und ermordet hat, wird unter meinen moslemischen Freunden hier als “Gangstertruppe” gewertet – nicht als gläubige Moslems. Allgemein denkt man hier eher, die sind zu faul einer geregelten Arbeit nachzugehen und betrachten Entführung als legitime Einnahmequelle. Die Verbindung mit ISIS… naja… vielleicht einfach nur “Trittbrett fahren”. Weil es den schlechten Ruf halt noch etwas schlechter macht. Das hilft den Opfern sicher nicht, vergrößert aber den ‘Respekt’ bzw. die Angst vor dieser Gruppe.

Außerdem darf man bei der organisierten Kriminalität hier auf den Philippinen nicht vergessen, dass es zum einen sehr viele sehr arme Menschen und zum anderen viele verschiedene Interessengruppen gibt. Und die eigene Familie geht in der Regel immer über alles. Insofern kann man durchaus auch recht starke Zusammenhalte zwischen ‘normalen’ Menschen und Menschen der eher kriminellen Sorte finden. Viele der diversen Bandenmitglieder sind in der Bevölkerung bekannt. Man erkennt ihre Gesichter, man warnt sich gegenseitig wenn einige von ihnen gesichtet wurden, aber Hinweise die letztendlich zu einer Verhaftung führen gibt es offensichtlich nicht besonders viele.

Und man kann auch immer wieder erfahren, dass neben den verschiedenen kriminellen Banden wie Abu Sayyaf und NPA auch Polizisten, Armeeangehörige oder Lokalpolitiker in Entführungen verwickelt oder direkt beteiligt sind. Das gleiche trifft auch auf den Drogenhandel hier zu. Ich habe das Gefühl, dass sich die kriminellen Banden in letzter Zeit etwas stärker auf Entführungen konzentriert haben, seitdem der derzeitige Präsident Duterte extrem hart gegen die Drogenkriminalität (Händler UND Konsumenten) vorgeht. Und man macht auch vor Moslems nicht Halt. JEDER der in der Lage zu sein scheint, ein beträchtliches Lösegeld aufbringen zu können ist ein mögliches ZIEL. Dies trifft insbesondere auf Politiker, Geschäftsleute und ausländische Touristen zu.

Also wenn man hier lebt, am Besten ‘low profile‘ zeigen. Das heißt insbesondere in bestimmten Gegenden keine großen Geschäfte ankurbeln, nicht auf ‘dicken Hose’ machen, keine regelmäßigen Routinegänge machen (z.B. jeden Morgen zum Bäcker an der Ecke oder zu festen Zeiten immer in das selbe Sportstudio), immer das Umfeld beobachten und dabei auf Leute oder Fahrzeuge achten, die einem zu folgen scheinen. Zugegeben, das klingt alles etwas paranoid, aber wenn man hier länger an einem Ort bleibt, ist das meiner Ansicht nach eine ‘gesunde’ Einstellung.

Wer sich in den Rotlichtvierteln oder in Nachtclubs aufhält, setzt sich mit Sicherheit einem erhöhten Risiko aus. Wie in anderen Ländern in solchen Gefilden auch. Hier kommt dann noch die Gefährdung der Ansteckung mit HIV hinzu. Es scheint so, dass viele Touristen (insbesondere die männlichen) glauben, dies sei auf den Philippinen nicht so sehr verbreitet. Jungs… jetzt müsst ihr stark sein… dieser Irrglaube wird dadurch bestärkt, dass man hier bis vor sehr wenigen Jahren keine regelmäßigen Untersuchungen vorgenommen oder Studien veröffentlicht hat. Ich habe – wie eingangs erwähnt – in 2009 hier auf Mindanao in einem medizinischen Nothilfeprojekt gearbeitet. Dementsprechend bin ich auch mit gesundheitsrelevanten Informationen versorgt worden. Einer unserer persönlichen Freunde ist beruflich in dem Sektor tätig. Er hatte hier vor wenigen Jahren auf den Philippinen eine längere medizinische Studie zu HIV und AIDS betrieben und seine Berichte waren recht erschreckend (täglich neue Infizierte entdeckt). Die Zahlen schienen sich seiner Meinung nach nicht so stark von anderen Asiatischen Ländern zu unterscheiden. Tendenz steigend. Anyway… das… ein Abschweifen… aber es gehört zur persönlichen Sicherheit.

Kommen wir nochmal kurz zurück zu den terroristischen Aktivitäten hier auf den Philippinen. Genau genommen verteidigen die Moslems hier ihr Land. Hier ein ganz grober geschichtlicher Abriss: Während der über 330-jährigen Besetzung haben die Spanier zwar mehrere Versuche unternommen, sich Mindanao ebenfalls einzuverleiben, sind damit jedoch immer gescheitert. Als die Philippinen später von den Spaniern an die Amerikaner fielen, wurde Mindanao ungerechtfertigter Weise mit in den angeblichen Anspruch des kolonialen Eroberungsrechts aufgenommen. Dass dies nicht stimmte fiel zwar später auf, dennoch wurde Mindanao durch ein politisches Manöver dem Philippinische Nationskonstrukt einverleibt weil es wegen seiner Bodenschätze von hohem wirtschaftlichen Interesse war. Die ursprünglichen (moslemischen) Bewohner wurden quasi enteignet und in den fünfziger Jahren wurde von der philippinischen Regierung in Manila dann die Einwanderung christlicher Siedler gefördert. Also ein ähnliche Geschichte wie in vielen anderen Ländern, wo die eigentlichen Ureinwohner mit Betrug und Gewalt verdrängt wurden. Und da wundert man sich über Rebellen? (Das soll nicht heißen, dass ich die Rebellen gut finde. Aber ich verstehe die Hintergründe des Konfliktes.)

By the way… ich habe bislang noch von keinem einzigen Selbstmordattentäter auf den Philippinen gehört oder gelesen. Die Filipinos lieben und genießen das Leben so wie sie ihre Familien und das Familienleben lieben und genießen.

JoBu – ich danke dir für diese informative Schilderung der Sicherheitslage auf Mindanao!